Haie in der Nordsee: Auf den Spuren des Hundshais

von Marcus Burghardt

Hundshaie vor Helgoland: Forschung zeigt ihre verborgenen Wanderwege in Nordsee und Atlantik

Was dich erwartet:

  • Haie in der Nordsee: Auf den Spuren eines Wanderers
  • Ein Satellitensender, aber ohne GPS
  • Die Wanderung
  • Neue Dimensionen der Forschung
  • Das Meer bekommt Ohren
  • Warum wir wissen müssen, wo die Haie sind

Haie in der Nordsee: Auf den Spuren eines Wanderers

Vor Helgoland beginnt eine Reise, die wir Menschen nicht sehen können. Jeden Sommer versammeln sich hier Hundshaie. Dann verschwinden sie wieder und legen dabei teilweise Tausende Kilometer zurück. Wohin sie schwimmen, warum sie bestimmte Gebiete aufsuchen und ob sie immer wieder zurückkehren, versucht Dr. Matthias Schaber vom Thünen-Institut für Seefischerei herauszufinden. Dafür geht er den Haien buchstäblich auf den Grund: mit Angel, Sendern und viel Geduld.

Wenn wir an Haie denken, denken wir oft an tropische Riffe, türkisblaues Wasser oder große Weiße Haie vor Südafrika. Die Nordsee passt für viele nicht in dieses Bild. Und doch leben hier Haie.
Rund um Helgoland trifft sich im Sommer regelmäßig eine ganz besondere Art: der Hundshai (Galeorhinus galeus). Mit einer Länge von bis zu etwa zwei Metern ist er die größte Haiart, die dauerhaft in den deutschen Gewässern der Nordsee vorkommt.
Doch was die Tiere vor Helgoland eigentlich machen, ist lange Zeit weitgehend unbekannt gewesen.

„Wo kommen sie her? Wohin verschwinden sie im Herbst? Und kommen sie im nächsten Jahr wieder zurück?“

Genau diese Fragen beschäftigen Dr. Matthias Schaber vom Thünen-Institut für Seefischerei in Bremerhaven.

Ein Hai an der Angel

Die Forschungsarbeit beginnt zunächst erstaunlich unspektakulär: mit einer Angel.
An verschiedenen Stellen rund um Helgoland werden die Hundshaie vom Boot aus gezielt gefangen. Zum Einsatz kommen robuste Ruten und Leinen, Stahlvorfächer und große Circle Hooks. Als Köder dienen Makrelenfilets.
Sobald ein Hai den Köder nimmt, wird er möglichst zügig und schonend an die Oberfläche gebracht.

Denn jetzt beginnt die eigentliche Forschungsarbeit.
An Bord werden zunächst Länge und Geschlecht des Tieres bestimmt. Ein dunkles, nasses Tuch über den Augen hilft dabei, den Hai zu beruhigen. Anschließend wird ein winziges Gewebestück entnommen, das später für genetische Untersuchungen verwendet werden kann. Dann bekommt der Hai seinen ersten „Datenträger“: einen Satellitensender.

Der sogenannte Pop-up-Satellitentag wird an der Basis der ersten Rückenflosse befestigt. Zusätzlich erhält der Hai einen kleinen sogenannten Spaghetti-Tag – eine sichtbare Marke mit einer individuellen Kennung. Und dann geht es zurück ins Meer. Von dem Moment an beginnt der Hai, Daten zu sammeln.

© Thünen-Institut/Matthias Schaber

Ein Satellitensender, aber ohne GPS

Was zunächst nach einem GPS-Sender klingt, funktioniert bei einem Hai etwas anders. Der Sender kann unter Wasser keine GPS-Position an den Wissenschaftler übermitteln. Stattdessen misst er in regelmäßigen Abständen unter anderem Wassertiefe, Temperatur und Umgebungslicht. Diese Daten werden über Monate gespeichert.

Nach einer vorprogrammierten Zeit (bis zu etwa einem Jahr) löst sich der Sender vom Hai, steigt an die Wasseroberfläche und übermittelt die gespeicherten Informationen über Satellit. Und plötzlich wird aus tausenden einzelnen Messpunkten eine Geschichte. Denn aus der Kombination von Tauchtiefe, Temperatur, Lichtverhältnissen, Meeresbodentopografie sowie Start- und Endpunkt lässt sich die wahrscheinlichste Route des Tieres modellieren. So kann Matthias Schaber nachvollziehen, wo sich ein Hai über Monate aufgehalten hat – obwohl niemand ihn dabei beobachtet hat.

© Christian Howe/H₂Owe

© Thünen-Institut/Matthias Schaber

Und dann wird es richtig spannend: Die Wanderung

Die bisherigen Untersuchungen haben bereits gezeigt, dass die sommerliche Ansammlung vor Helgoland nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Leben der Tiere ist. Wenn das Wasser im Herbst kälter wird, verlassen viele der markierten Hundshaie das Gebiet.

Ein großer Teil wandert westwärts entlang der deutschen und niederländischen Küste und anschließend durch den Ärmelkanal weiter in den Atlantik. Einige Tiere legen dabei enorme Distanzen zurück. Die Forschung des Thünen-Instituts hat damit dazu beigetragen, einen regelrechten „Hai-Way“ durch den Ärmelkanal sichtbar zu machen: einen Wanderkorridor, den Hundshaie auf ihren saisonalen Wanderungen zwischen der Deutschen Bucht und dem Atlantik nutzen. Auch andere gefährdete Haiarten nutzen diesen Korridor.

Noch überraschender: Die Tiere bleiben nicht unbedingt in Küstennähe. Untersuchungen von Matthias Schaber und seinem Team haben gezeigt, dass Hundshaie zeitweise auch weit draußen im offenen Atlantik und in deutlich tieferen Wasserschichten unterwegs sind. Der Hai, den wir im Sommer vor Helgoland sehen, ist also möglicherweise nur auf einem kurzen Zwischenstopp.

© Thünen-Institut/Matthias Schaber, Kartengrundlage: © Google Earth

Ein Hai bekommt ein kleines Stück Geschichte mit auf den Weg

Der Satellitensender ist allerdings nicht die einzige Markierung. Der kleine Spaghetti-Tag bleibt am Tier. Wenn ein markierter Hundshai Monate oder sogar Jahre später erneut gefangen wird, kann die individuelle Kennung abgelesen werden. Damit lässt sich beispielsweise feststellen, wie stark das Tier gewachsen ist und wo es sich zu diesem Zeitpunkt aufhält. So entsteht mit jedem Wiederfang ein weiterer Punkt in der Lebensgeschichte eines einzelnen Hais.

Und genau solche Langzeitinformationen sind wertvoll. Denn Hundshaie wachsen langsam, werden vergleichsweise spät geschlechtsreif und bringen nur relativ wenige Nachkommen hervor. Damit können sich Bestände nach starken Verlusten nur langsam erholen. Die Art gilt weltweit als vom Aussterben bedroht.

Jetzt bekommt die Forschung eine neue Dimension

Doch Matthias Schaber und sein Team wollen noch mehr wissen. Denn ein Satellitensender kann vor allem die großen Wanderungen sichtbar machen. Was er bislang nur eingeschränkt beantworten kann, ist eine andere Frage:

Kehrt ein Hundshai regelmäßig an denselben Ort zurück?

Und nutzt er vielleicht jedes Jahr dieselben Wege? Dafür wird das Forschungsprogramm nun erweitert. Künftig werden die Haie zusätzlich mit einem Akustiktransmitter ausgestattet. Dafür wird der Hai unter kontrollierten Bedingungen und mit kontinuierlicher Versorgung der Kiemen mit frischem Meerwasser in eine sogenannte tonische Immobilität versetzt. Ein kleiner Sender wird in die Bauchhöhle implantiert und die winzige Operationsöffnung anschließend chirurgisch verschlossen.

Der Akustiktransmitter sendet anschließend regelmäßig eine individuelle Kennung aus. Allein kann dieser Sender den Wissenschaftlern noch nicht sagen, wo sich der Hai befindet. Dafür braucht es ein Netzwerk unter Wasser.

Das Meer bekommt Ohren

Entlang der Nordseeküste befinden sich Unterwasser-Empfangsstationen, sogenannte Hydrophone. Schwimmt ein markierter Hai in den Empfangsbereich eines solchen Receivers, wird seine individuelle Sender-ID registriert.

Damit entsteht etwas völlig Neues: Ein unsichtbares Netzwerk, das die Wanderungen der Haie unter Wasser verfolgt. Während ein Satellitensender die großen Bewegungen über Monate sichtbar macht, kann die akustische Telemetrie über viele Jahre Informationen liefern. Die eingesetzten Akustiktransmitter können bis zu zehn Jahre aktiv bleiben.

Damit lassen sich Fragen untersuchen, die mit einem einzelnen Satellitensender kaum zu beantworten wären:

  • Kommen einzelne Hundshaie regelmäßig nach Helgoland zurück?
  • Nutzen sie immer wieder dieselben Gebiete?
  • Gibt es feste Wanderkorridore?
  • Welche Lebensräume sind besonders wichtig?
  • Wie lange halten sich einzelne Tiere dort auf?
  • Gibt es Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen?
  • Und welche Gebiete müssen möglicherweise besonders geschützt werden?

Das Thünen-Institut beschreibt genau diese Kombination aus akustischer Telemetrie für kleinräumige Bewegungen und Pop-up-Satellitentags für weitreichende Wanderungen als wichtigen Bestandteil seines aktuellen Forschungsansatzes.

© Christian Howe/H₂Owe & Thünen-Institut/Matthias Schaber

Warum wir wissen müssen, wo die Haie sind

Forschung klingt manchmal abstrakt: Daten, Sender, Modelle, Messreihen. Am Ende geht es aber um eine sehr konkrete Frage: Wie können wir eine Art schützen, deren Leben wir kaum sehen? Ein Hundshai hält sich nicht das ganze Jahr an einem Ort auf. Er wandert über große Entfernungen und durchquert dabei viele verschiedene Gebiete und Zuständigkeitsbereiche.

Wenn wir nicht wissen, wo sich die Tiere aufhalten, wann sie dort sind und welche Gebiete sie regelmäßig nutzen, können wir ihren Lebensraum nur schwer gezielt schützen. Genau deshalb sind die Daten aus der Forschung so wichtig.

Das Thünen-Institut untersucht nicht nur Haie. Das Institut für Seefischerei erforscht die Ökosysteme der Nordsee und des Nordatlantiks, erhebt Langzeitdaten zu marinen Lebensgemeinschaften und entwickelt wissenschaftliche Grundlagen für eine nachhaltige Nutzung und den Schutz mariner Ressourcen. Die Daten fließen unter anderem in internationale wissenschaftliche Bewertungen und Managemententscheidungen ein.

Die Hai-Forschung ist dabei ein besonders faszinierendes Beispiel dafür, wie moderne Wissenschaft funktioniert: Ein Tier wird für wenige Minuten aus seinem Lebensraum genommen und anschließend kann es uns monatelang erzählen, wohin es schwimmt.

Der Hai verschwindet. Die Geschichte bleibt.

Nach der Markierung wird der Hundshai wieder ins Wasser gelassen. Ein kurzer Moment noch, dann bewegt er sich wieder aus eigener Kraft davon. Für den Hai beginnt damit seine nächste Reise. Für Matthias Schaber beginnt die Auswertung.

Vielleicht schwimmt das Tier in wenigen Wochen durch den Ärmelkanal. Vielleicht zieht es weiter hinaus in den Atlantik. Vielleicht taucht es in völlig andere Tiefen ab, als wir erwartet hätten. Und vielleicht steht derselbe Hai im nächsten Sommer wieder vor Helgoland. Dann beginnt die Geschichte von vorne. Nur wissen wir diesmal ein bisschen mehr.

Denn jeder markierte Hai hinterlässt Spuren: nicht im Wasser, sondern in den Daten. Und genau diese Spuren helfen dabei, einen der faszinierendsten Bewohner unserer Nordsee besser zu verstehen.

Der Hundshai ist kein Besucher unserer Nordsee. Er ist Teil ihres Ökosystems. Die Forschung hilft uns herauszufinden, wie wir dafür sorgen können, dass er es auch bleibt.

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